Da ich mich gerade in Brasilien aufhalte, möchte ich kurz das Online-Leben hierzulande beschreiben. Da möchte ich aber schon bemerken, dass ich mich im Nordosten des Landes aufhalte. Der Nordosten ist das Armenhaus Brasiliens, im Gegensatz zum reichen Süden mit Sao Paulo und Rio de Janeiro. Ganz im Gegensatz zu Italien, wo ja der Norden reich ist und der Mezzogiorno (Süden) viel ärmer ist.
In dem Fischerdorf, wo ich mich gerade aufhalte, ist Internet noch kaum ein Thema, geschweige denn Online-Marketing. Nun zum Kuhdorf (mein Bruder meint, ich solle Fischerdorf schreiben, denn das töne etwas schöner). Neben den Kühen stolzieren auch Hähne über die Strasse, und mitten im Dorf hat es Esel, die breitbeinig den Weg versperren. Dann gibt es Ziegen, welche die letzten Kräuter um die Ecke suchen oder Schafe, die blöckend durch die Gassen schleichen. Da bin ich jetzt sozusagen für kurze Zeit zu Hause. Besagtes Dorf Baja Formosa liegt zwischen den Grossstädten Recife und Natal.

Link zum Ort Baja Formosa: http://map.topin.travel/?p=swc&z=16&lat=-6.369467&lng=-35.005231&m=hybrid
Das Marketing-Leben spielt sich hier wie folgt ab. Da sitzen die Leute vor ihren Geschäften und warten bis jemand kommt. Keine Hektik, keine Marktschreier, die dich im Laden haben wollen. Marketing funktioniert hier mit wahrscheinlich jahrhundertalter Tradition – so alt schaut das Dorf schon aus – nur viral. Man weiss, wo es was gibt und sagt es weiter. Eben viral oder Mund-zu-Mund. Funktioniert hier bestens. Dann gibt es noch das Fernsehen. Dort wird natürlich auch Werbung gemacht. Viel öfter und länger als bei uns. Bei praktisch allen Brasilianern gibt es mindestens einen Fernseher, der ständig läuft, sogar in allen Restaurants. Da funktioniert nationale Werbung bestens.
Im Fischerdorf gibt es aber neben dem wöchentlichen Markt (nach dem Motto, wenn du kein Einkaufszentrum hast, kommt es eben zu dir) auch Fahrzeuge, die mit meterhohen Lautsprechern Werbebotschaften durchgeben. Die Dezibel habe ich nicht gemessen, aber ich glaube, die welche gegen die Südanflüge hier in der Schweiz sind, wären ganz schön kleinlaut, wenn die hörten, wie man auch mit Lautsprechern statt mit Jumbo Jets noch viel mehr Lärm machen kann. Und keiner (fast keiner) regt sich hier auf. Die Werbebotschaft hier ist oral, da es ja auch welche gibt, die nicht lesen und schreiben können.
Also, Fernsehen, virales Marketing und Audio-Botschaften in der Jumbo-Klasse sind hier die bevorzugten Werbeträger.
A propos Internet. Das gibt es hier auch. Über den viralen Kanal (!) habe ich erfahren, wo es Internet-Cafés gibt. Ja, es gibt deren zwei. Mein Internet-Café hat Anschluss über den Satelit, weil die Mobile-Connection mit GSM zu langsam ist und der nächste Fixnet-Provider zu weit weg ist.
Gestaunt habe ich nicht schlecht, dass alle PCs im Internet-Café schon mit Windows Vista ausgerüstet waren. Das noch zum Entwicklungstand im Fischerdorf. Fragen Sie mich aber bitte nicht, woher die schon das neue Vista erhalten haben. Über den Dorfladen wohl kaum …
Ach ja, es gibt hier noch einen vierten Marketingkanal. Am Strand verkaufen die Leute auch viele Dinge. Aber anders als bei uns, kommen bzw. laufen die Leute vorbei und bieten viele Dinge feil. Da läuft ein ganzes Seafood-Restaurant vorbei, aufgeteilt auf dutzende an Leuten: Shrimps, Austern, Muscheln, Fische etc. Was das Herz begehrt.
Noch ein pikantes Detail am Rande, das mit Online-Marketing jetzt wirklich nichts, aber auch gar nichts zu tun hat: Die Leute, die am Strand sitzend auf die Kunden warten, sehen so aus, als wären sie gleich am Verfetten, so wie viele bei uns in der westlichen Welt auch. Die anderen, die Kilometer abspulen, um so direkt an die Kunden zu gelangen, sind rank und schlank. Wieso wohl?
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